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Kronenrückzugsschnitt – der richtige Umgang mit stark geschädigten Baumveteranen

Ein Baumveteran ist ein ausgewachsener Baum der typische Habitatsstrukturen eines uralten Baumes (Archebaum – Ancient tree) aufweist. Hervorgerufen werden diese Lebensräume durch Ereignisse, bspw. durch Stürme (Herausbrechen von Kronenteilen) oder durch Holzfäule entstandene Mulmhöhlen.
Die Baumveteranen weisen ähnliche Habitatsstrukturen wie Archebäume auf, ohne unbedingt ungewöhnlich alt zu sein (Archebäume sind ungewöhlich alt und näheren sich dem Ende ihrer Lebensspanne; sind oftmals 800 Jahre oder älter).

Ein Baum, der den Zenit seiner Entwicklung überschreitet, unterliegt einem natürlichen Kronenrückzug durch Absterben der Triebspitzen, wodurch sich der Abstand zwischen Wurzeln und Trieben verkürzt und so die Versorgung des Baumes weiterhin gewährleistet wird. In diesem Lebensstadium sind diese Uraltbäume häufig Habitatsträger für seltene Arten, entstanden durch vorhandene Mulmhöhlen oder offene Höhlungen.

Ein ausgewachsener Baum kann in Folge von Stürmen oder biotischer Schädigungen ähnlichen Anpassungsprozessen unterliegen wie diese oben beschrieben Uraltbäume. Oftmals ist ein Zurückziehen der Baumkrone, ausgehend von den Kronenrändern zu beobachten. Beleuchtet man die dafür in Betracht kommenden Faktoren einmal genauer, so stellt man häufig eine Besiedlung durch holzzersetzende Pilze fest. Auch Witterungsextreme können diese Prozesse verursachen (z.B. Mulmholz-Entwicklung durch Kronenteilausbruch; Linde 19-19).

Da es nun beispielsweise wenig Archebäume mit den schützenswerten Habitatsstrukturen mehr gibt, wäre es erstrebenswert mehr Baumveteranen zu erhalten und in die Alterklasse der Archebäume zu überführen.

Die erhaltende Baumpflege (conservation arboriculture) wird dadurch geprägt, den Baum als Lebensraum und Ökosystem zu verstehen, das innerhalb des Netzwerks von Ökosystemen funktioniert.

Mit dem Kronenrückszugsschnitt (retrenchment pruning) sollen nun Schnitttechniken für den Erhalt von stark vorgeschädigten Altbäumen vorgestellt werden (leicht verändert Pietruschinski).

  • Zurückschneiden der Krone ausgehend von den Kronenrändern im Fein- und Schwachastbereich (Astdurchmesser 1 -3 cm; 3 – 5 cm)
  • Entfernung von Ästen mit großen Astdurchmessern soll vermieden werden
  • Pflegekonzepte oftmals auf 30 Jahre, mit 5 jährigen Intervallen angelegt

Beim Kronenrückzugsschnitt wird das Ausmaß der Krone reduziert, um den Baumalterungsprozess nachzuahmen. Dabei sterben die äußeren Kronenteile ab und ein veränderter Hormonhaushalt fördert den Neuaustrieb tiefer gelegener Knospen (Ausbildung Sekundärkorne). Die Einschränkungen des gealterten Wurzelsystems verstärken den natürlichen Rückzug der Krone. Die Krone passt sich durch die nun kürzeren Transportwege auf die verminderte Leistungsfähigkeit des Wurzelsystems an.

Andere Vorteile stellen sich für den geschädigten, jedoch durch den Kronenrückzugsschnitt verkleinerten Baum ein.

  • Reduzierte Windlast. Erhöhung der Bruch- und Standsicherheit
  • Erhaltung und Förderung von Habitatsstrukturen
  • Eintritt der Oberkrone in eine Verjüngungsphase

Der Kronenrückzugsschnitt ist in der Baumpflege im Vereinten Königreich inzwischen so weit akzeptiert, dass er in den Britisch Standard BS3998 Recommendations for Tree Work (BSI 2010) erwähnt wird. Für normale städtische Bäume ist die Praxis selten verwendbar.

  • verändert, nicht vollständig und abgewandelt aus:
    Fay, Neville (2015). Der richtige Umgang mit uralten Bäumen: Archebäume und Baumveteranen. Jahrbuch für Baumpflege.Braunschweig, Haymarket Media, S. 181 – 197.
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